Das Märchen nimmt Formen an: Lucas Pinheiro Braathen dominiert den ersten Durchgang im Riesenslalom und steht kurz davor, die allererste Medaille bei Olympischen Winterspielen für Brasilien zu gewinnen. Der 23-Jährige führt zur Halbzeit sensationell mit fast einer Sekunde Vorsprung und lässt den Top-Favoriten Marco Odermatt ratlos zurück.

Samba im Schnee: Braathen schockt die Konkurrenz

Es bahnt sich eine Sensation an, die in die Geschichtsbücher eingehen könnte. Lucas Braathen eröffnete das Rennen mit Startnummer eins. Obwohl sein Lauf auf dem drehenden Kurs optisch nicht fehlerfrei wirkte, biss sich die gesamte Weltelite an seiner Vorgabe die Zähne aus. Je mehr Läufer den flachen Hang hinunterkamen, desto deutlicher wurde: Der für Brasilien startende Technik-Spezialist hat eine Fabelzeit in den Schnee gezaubert.

Vor dem entscheidenden zweiten Lauf (13.30 Uhr) führt Braathen mit einem komfortablen Polster von fast einer Sekunde. Was für viele Experten wie ein Ding der Unmöglichkeit wirkte, ist nun greifbar nah: Gold für den südamerikanischen Flächenstaat, der bisher im Wintersport kaum in Erscheinung getreten ist.

Vom Verbands-Zoff zur historischen Chance

Die Geschichte hinter diesem potenziellen Triumph ist hollywoodreif. Braathen, dessen Vater Norweger und Mutter Brasilianerin ist, kehrte dem norwegischen Verband nach einem heftigen Streit im Vorjahr den Rücken. Seit dem Winter 2024/25 startet er für das Heimatland seiner Mutter – eine Entscheidung, die sich nun auszahlen könnte.

Für Brasilien wäre Edelmetall ein absolutes Novum. In der olympischen Geschichte des Landes gab es bisher noch nie eine Medaille bei Winterspielen. Die bisherige Bestmarke hält die Snowboarderin Isabel Clark Ribeiro mit einem neunten Platz im Jahr 2006. Braathen schickt sich an, diese Statistik nicht nur zu verbessern, sondern komplett zu pulverisieren.

Odermatt unter Druck: Kann der Favorit kontern?

Während im brasilianischen Lager gefeiert wird, herrscht bei den Schweizern Ernüchterung. Der große Gold-Favorit Marco Odermatt liegt zwar auf Lauerstellung, hat aber bereits einen beträchtlichen Rückstand. Auch der Überflieger der Szene hatte mit Rutschern zu kämpfen und liegt fast eine Sekunde hinter dem Führenden zurück. Odermatt muss im Finale volles Risiko gehen, um den entfesselten Braathen noch abzufangen. Sein Teamkollege Loic Meillard lauert auf Rang drei (+1,57 Sekunden).

Lichtblick für den DSV: Gratz in den Top Ten

Aus deutscher Sicht sorgte Fabian Gratz für einen Achtungserfolg. Der 28-Jährige nutzte seine Startnummer 18 optimal und liegt zur Halbzeit auf einem starken zehnten Rang (+2,28 Sekunden). Am Sportschau-Mikrofon analysierte er nüchtern: „Die Piste war ok. Nur an ein paar Toren hat man gemerkt, dass es leicht bricht. Da werden manche ein bisschen weit.“

Seine Teamkollegen Anton Grammel und Alexander Schmid ordneten sich im Mittelfeld ein. Grammel liegt auf Platz 15 (+2,64 Sek.), Schmid folgt auf Rang 20 (+2,92 Sek.). Alle Augen richten sich nun jedoch auf das große Finale: Krönt sich Lucas Braathen zum ersten Winter-König Brasiliens?

Verwandte Beiträge